Die schlesischen Ortsnamen
Ihre Entstehung und Bedeutung
Die Ortsnamen sind treue und zuverlässige Berichterstatter über Thatsachen, und in vielen Fällen die einzigen überlebenden Zeugen für die Zustände längst vergangener Tage. Heinrich Adamys Werk von 1887 dokumentiert systematisch, wie diese sprachlichen Artefakte Erinnerung bewahren, wenn alles andere ausgelöscht wurde.
Für das Laboratory of Absence repräsentiert Toponymie eine entscheidende Form der sprachlichen Archäologie: Namen, die fortbestehen, selbst wenn die Kulturen, die sie schufen, vertrieben, ausgewiesen oder vergessen wurden. Der Name Leschnitz selbst leitet sich von der slawischen Wurzel für "Wald" ab—eine Erinnerung daran, dass Besiedlung mit der Rodung der ursprünglichen Wildnis begann.
Der Name Leschnitz
Nach Adamys Klassifikation gehört Leschnitz zur Gruppe 7 der slavischen Ortsnamen—Namen, hergeleitet vom Walde. Der Eintrag auf Seite 22 seines Werkes verzeichnet:
| Gegenwärtiger Name | Leschnitz |
|---|---|
| Kreis | Gr. Strehlitz |
| Alter, slavischer Name | Leznitz |
| Bedeutung | Ort im Walde |
Die Wurzel les, lessa, leszno bedeutet in slavischen Sprachen "Wald" oder speziell "Laubholzwald". Verwandte Ortsnamen sind:
- Laasan, Laasen, Laasnig, Lahse → Waldau
- Lassowitz, Lasswitz, Lauskowe → Walddorf
- Leschen, Leschna → Förstchen
- Leschkowitz, Leschnig, Leschnik → Walddorf
Der Name kodiert somit den ursprünglichen Zustand des Landes: dichter Wald, der für die Besiedlung gerodet werden musste. Der Wald, der einst diesen Ort definierte, ist seit Jahrhunderten abwesend, doch seine Erinnerung besteht im Namen fort.
Vorwort (1887)
"Die vorliegende Schrift hat nicht nur den Zweck, ein Bild der Zustände Schlesiens zur Zeit der ersten Besiedelungen des Landes darzustellen, sondern sie verbindet damit auch die Absicht, zur Aufklärung der vielen dunklen Ortsnamen einen Beitrag zu liefern. Und in der That ist die Deutung dieser Namen sehr geeignet, über die früheren Verhältnisse des Landes und seiner Bewohner Auskunft zu geben.
Die Ortsnamen sind treue und zuverlässige Berichterstatter über Thatsachen, und in vielen Fällen die einzigen überlebenden Zeugen für die Zustände längst vergangener Tage.
Leider ist ein großer Teil der schlesischen Ortsnamen wegen der Abkürzungen und Verunstaltungen, die sie im Laufe vieler Jahrhunderte erfahren haben, nicht geeignet, diesen Dienst zu leisten. Deshalb war es zunächst nothwendig, die ursprüngliche Form der Ortsnamen wieder aufzusuchen, um die Bedeutung derselben zu erkennen."
— Heinrich Adamy, Breslau im April 1887
Adamys Quellen umfassten die schlesischen Urkundensammlungen, insbesondere die Regesten von Dr. C. Grünhagen, die wissenschaftlichen Arbeiten der Professoren Markgraf, Nehring, Weinhold und Buttmann sowie die "Übersicht der schlesischen Ortschaften von Knie."
Land und Leute in alter Zeit
Die schlesischen Ortsnamen sind, wie alle geographischen Namen, niemals bedeutungslose Lautverbindungen, sondern immer der Ausdruck eines Gedankens, der die ersten Ansiedler erfüllte, als sie den Ort gründeten. Sehr häufig wollten sie ihrem Führer durch die Wahl seines Namens ihre Dankbarkeit beweisen, während ein andermal die Lage des Ortes und seine Bodenbeschaffenheit die Veranlassung gab, die Niederlassung danach zu benennen.
Das Zusammentreffen der Sprachen führte zu tiefgreifenden Transformationen:
"Wo aber fremde Volksstämme in ein Land eindrangen und verschiedene Sprachen in vielfache Berührung kamen, wie in Schlesien, da haben sehr viele Ortsnamen, indem man dieselben auf beiden Seiten sich mundgerecht zu machen suchte, so bedeutende Veränderungen erlitten, daß sie gegenwärtig fast unkenntlich geworden sind."
Aus der überwiegend großen Zahl der Ortsnamen, die von Wald und Sumpf sprechen, erkennen wir den unablässigen Kampf der Kolonisten gegen diese Mächte. Die urbar gemachten Strecken waren noch wie Inseln im Meere zerstreut in dem ungeheuern Walde, der das Land bedeckte.
Wichtige Erkenntnis: Die slavischen und deutschen Ortsnamen sind in Schlesien fast überall gemischt, doch so, daß in Oberschlesien die slavischen, und in Mittel- und Niederschlesien die deutschen Namen vorherrschen. Es wäre aber ein großer Irrtum, wenn man heut aus den slavischen Ortsnamen auch auf die slavische Sprache der Ortsbewohner schließen wollte. Die Sprachgrenze ist eine ganz andere; denn die deutschen Einwanderer haben im mittel- und niederschlesischen Flachlande fast überall die deutsche Sprache eingeführt, aber den slavischen Ortsnamen beibehalten.
I. Die slavischen Ortschaftsnamen (11 Gruppen)
1. Gruppe: Die ältesten Landesburgen oder Kastellaneien
Die ältesten Befestigungen, von polnischen oder böhmischen Herrschern zur Verteidigung angelegt. Namen leiten sich von der Lage, Bestimmung oder den Kastellanen ab, die sie verwalteten. Beispiele: Breslau, Liegnitz, Schweidnitz, Glatz, Glogau, Sagan, Ratibor.
Anmerkung: Glatz stammt von Kladsko, was "Holzburg aus Baumstämmen" bedeutet.
2. Gruppe: Befestigte Städte, Burgen und Klöster
Ortschaften, die durch eine Burg oder starke Ringmauern ihren Bewohnern Schutz gewährten.
3. Gruppe: Ortschaftsnamen, hergeleitet vom Beruf der Hörigen
Dörfer, benannt nach den verpflichteten Diensten ihrer leibeigenen Bewohner:
- Strehitz, Lobkowitz → Jäger- oder Schützendörfer
- Liskau, Liskowitz → Fuchsjägerdörfer
- Jelline, Jeltsch → Hirschjägerdörfer
- Bobrek, Bobrownik → Biberjägerdörfer
- Sokolnik, Zukelnig → Falknerdörfer
- Rybnik, Reibnitz → Fischerdörfer
- Bartnig, Bartkerei → Imker- oder Bienenwärterdörfer
4. Gruppe: Ortsnamen, hergeleitet vom Namen der Gründer
- Urbanowice = Dorf des Urban
- Jannowice = Dorf des Johann
- Belkau = Dorf des Bialek
- Polkwitz = Stadt des Bolko
5. Gruppe: Ortsnamen, hergeleitet von der hohen Lage des Ortes
Gorkau = Bergdorf, und ähnliche erhöhte Siedlungen.
6. Gruppe: Ortsnamen, hergeleitet von der tiefen Lage
Mokrau = Sumpfplatz, und Siedlungen in Niederungen oder Sümpfen.
7. Gruppe: Ortsnamen, hergeleitet vom Walde
Diese Gruppe umfasst Leschnitz und verwandte Namen. Siehe detaillierte Etymologie oben.
Borau = Walddorf (von bor, Nadelwald)
8. Gruppe: Ortsnamen, hergeleitet von Baumarten und anderen Gewächsen
- Dombrowa = Eichberg (von dub, Eiche)
- Jawor = Ahornplatz
9. Gruppe: Ortsnamen, hergeleitet von Tieren
- Jeltsch = Hirschplatz (von jelen, Hirsch)
- Wilkau = Wolfsdorf (von wilk, Wolf)
- Rakowitz = Krebsdorf
10. Gruppe: Ortsnamen, hergeleitet von der Beschaffenheit der Gegend
Kamin = Steinberg
11. Gruppe: Ortsnamen, hergeleitet von der Bestimmung des Ortes
- Sandowel, Poseritz = Gerichtsort, Richtplatz
- Panthen, Panthenau = Herrschaftliches Dorf
- Biskupitz, Bischwitz = Bischofsdorf
- Münchwitz = Mönchsdorf
Besondere Anmerkung: Die "Lub-" Namen
Eine sinnverwandte und lautverwandte Gruppe, die emotionale Bindung an den Ort ausdrückt:
Lüben, Lauban, Lubom, Leubus, Leubusch, Lublinitz, Leobschütz, Lubschau, Lubthal, Lewin
Alle haben ähnliche Bedeutung: Lieblingsort, befreundeter Ort, Freudenthal—vergleichbar mit deutschen Namen wie Liebau, Liebenau, Liebenthal.
II. Deutsche Ortsnamen der zweiten Periode
Aus der zweiten Periode stammen die deutschen Ortsnamen, welche die Einwanderer aus Thüringen, Franken, Sachsen und aus den Niederlanden im 13. und 14. Jahrhundert ihren Ansiedelungen in Schlesien gaben. Sie sind teilweise der Ausdruck ihrer Gefühle, Wünsche, Hoffnungen und Erinnerungen, andererseits hergeleitet von der Beschaffenheit des Bodens, den sie vorfanden.
Am häufigsten aber haben die Kolonisten für ihre Niederlassung aus Dankbarkeit den Namen des Mannes gewählt, der die Genehmigung zur Anlage des neuen Ortes von dem Landesherrn erworben, unter dessen Führung sie gewandert waren, und unter dessen Schutz und Vorstand sie die Stadt oder das Dorf eingerichtet hatten.
12. Gruppe: Entstellte Gründernamen
Deutsche Namen, die im Munde des Volkes durch Kürzungen und Lautverschiebungen entstellt und unkenntlich geworden sind.
13. Gruppe: Erkennbare Gründernamen
Eine Fülle von schönen, altdeutschen Namen, in denen wir manche Anklänge aus der Zeit der alten deutschen Heldensagen wiederfinden.
Gruppen 14-20: Geländebasierte Namen
- 14. Gruppe: Hohe Lage auf Bergen und Höhen
- 15. Gruppe: Tiefe Lage am Wasser und Sumpfe
- 16. Gruppe: Vom Walde hergeleitet
- 17. Gruppe: Von Baumarten und andern Gewächsen
- 18. Gruppe: Von Tieren
- 19. Gruppe: Von der Beschaffenheit der Gegend und den Bestandteilen des Bodens
- 20. Gruppe: Von der Bestimmung zu obrigkeitlichen oder gemeinnützigen Zwecken
Historischer Kontext: Die Gebirgskreise Hirschberg, Löwenberg, Lauban, Landeshut, Waldenburg, Neurode und Habelschwerdt sind fast ganz frei von slavischen Ortsnamen. Wir dürfen daher mit Gewißheit annehmen, daß zur Zeit der deutschen Einwanderung diese Gebirgsgegenden noch gänzlich unbewohnt und mit Urwald, der auch den Grenzwald bildete, bedeckt waren.
III. Deutsche Ortsnamen der dritten Periode
Die Ortsnamen dieser Periode bilden die 21. Gruppe, und stammen alle aus der Zeit der preußischen Herrschaft über Schlesien seit dem Jahre 1741. Besonders zahlreich sind die Ortschaften, welche durch die Sorge Friedrichs des Großen für sein neu erworbenes Land hervorgerufen wurden.
In vielen dieser Namen spricht sich preußischer Patriotismus dadurch aus, daß man unter ihnen die Namen der preußischen Königsfamilie und einiger großen Männer wiederfindet, die sich um König und Vaterland verdient gemacht haben. Andere haben ihren Ursprung dem Bergbau, den Eisenbahnen oder andern günstigen Verkehrs- und Erwerbsverhältnissen zu verdanken.
Die Bedeutung der Endsilben
Alle diese Endsilben haben im Slavischen die Bedeutung von Dorf, Flecken, Platz, Ort, Kolonie, Niederlassung:
| Endsilbe | Bedeutung | Anmerkungen |
|---|---|---|
| -witz | Dorf | Mit dem lateinischen Worte vicus verwandt. Manchmal deutschen Wurzeln beigegeben (Birkwitz, Buchwitz, Peterwitz) |
| -itz | Platz | Variante von -witz |
| -schutz | Niederlassung | Häufig in Oberschlesien |
| -in, -ine | Platz | Feminine Suffixform |
| -ow, -aw | Platz | Ins deutsche -au übergegangen: Zoraw → Sorau (Kranichstadt), Glogow → Glogau (Hagedornstadt), Grottkow → Grottkau (Burgstadt) |
Historische Dokumentengalerie
Die folgenden Bilder sind gescannte Seiten aus Heinrich Adamys Originalwerk von 1887, "Die schlesischen Ortsnamen: ihre Entstehung und Bedeutung", erschienen bei Priebatsch's Buchhandlung in Breslau.